Buchempfehlung "Signor Rinaldi kratzt die Kurve"

01.10.2017

Signor Rinaldi hat mit dem Leben abgeschlossen. Er hat seinen achtzigsten Geburtstag gerade erlebt, und seine Frau um einige Jahre überlebt. Nun hat der Autor, dessen letzter Roman mit dem für ihn bezeichnenden Titel "Leckt mich doch alle am Arsch" vor zwanzig Jahren erschienen ist, das Leben so satt, wie die Penne all arrabbiata - das einzige Gericht, das er kochen kann.

Als Leser folgt man dem Kauz zu Beginn beim Abwägen verschiedenster Möglichkeiten, sich sauber und unauffällig aus dem Weg zu räumen - ein ernstes Thema, aber durchaus humorvoll aufbereitet. Es klingt jedoch schon sein Wehmut durch, am Tag der Wahrheit Banalitäten wie ein Croissant und einen Espresso zu frühstücken, und mit dem Kellner zu plaudern, nun ein allerletztes Mal zu tun.

Signor Rinaldi hat sich nach reiflichen Überlegungen für einen Medikamentencocktail entschieden, den es mit einem guten Tropfen hinunterzuspülen gilt. Damit hat er bereits begonnen, als es an der Tür klingelt. Etwas beschwipst öffnet er und steht seiner Tochter gegenüber, die ihn, passend zur Situation, erstmal so richtig angiftet. Er schere sich einen Dreck um seine restliche Familie, bestehend aus ihr, den aus seiner Sicht nichtsnutzigen Schwiegersohn und dem fünfzehnjährigen Enkel Diego, wirft sie ihm nicht ganz zu Unrecht vor. Auf Diego und dem Familienhund Sid müsse Signor Rinaldi nun für einige Tage aufpassen, da Tochter und Schwiegersohn wegen eines Todesfalls nach Paris reisen müssten.

Also musste der Suizid erstmal um eine Woche vertagt werden. Ohne hier zu viel zu verraten zu wollen, hat man den alten Muffel mittlerweile liebgewonnen und hofft als Leser, dass es auch danach nicht so weit kommen mag. Man wird nicht enttäuscht. Wie übrigens vom gesamten Roman nicht. In der italienischen Fassung heißt der Titel "L'ultima settimana di settembre". Für mich übrigens ein schöner Zufall (oder vielleicht sogar ein kleines Zeichen), schließlich habe ich meine letzte Woche im September mit der Lektüre dieses Romans verbracht.

Ein Roman ganz nach meinem Geschmack, zeigt er doch auf wunderbare Weise, wieviel sich in nur einer Woche ändern kann - manchmal ein ganzes Leben oder in diesem Fall sogar zwei. "Signor Rinaldi kratzt die Kurve" versteht es Emotionen zu berühren: Er macht nachdenklich, manchmal auch traurig, erheitert dafür an anderen Stellen, und hinterlässt einem mit dem beruhigenden Wissen, dass das Leben immer wieder schön werden kann, selbst wenn man sich das in diesem Moment nicht vorstellen kann - oder wie der Protagonist: mag.

Neben der tragisch schönen Geschichte begeisterte mich die Erzählweise des Autors. Lorenzo Licalzis Schreibstil erinnert an Signor Rinaldis altes Citroen DS Pallas Cabrio: formschön, schnörkellos, luftig - und selten gesehen. Auch Luis Ruby, der Übersetzer aus dem Italienischen, muss ein Meister seines Handwerks sein.

Unbedingte Empfehlung und fünf Sterne für einen außergewöhnlich gut geschriebenen und berührenden Roman ... nach dessen letzter Seite ich mir zum Trost einen Berg Penne all arrabbiata zubereiten musste.

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