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Mittwoch, 08. Februar 2012

Kapitel 1 - 3

ZWEI JAHRE SPÄTER

– 1 –

Xaver folgte dem Hinweisschild für das Hotel, bog von der Hauptstraße ab und fuhr geradeaus über zwei Kreuzungen, an denen keine Wegbeschreibung zu sehen war. Linker Hand passierte er ein Fußballstadion und folgte der Straße, bis er auf eine Abzweigung stieß, an der er sich für links entschied. Gegenüber einem Krankenhaus hielt er in einer Einbuchtung der Straße an, um eine ältere Frau nach dem Weg zu fragen. Der Höflichkeit halber stieg er aus dem Wagen und wandte sich ihr über das Autodach zu. »Perdona Señora, me puede indicar el camino al Hotel Costa Tropical Palace?«

Gelinder Stolz erfüllte ihn. Sein Spanisch war nach den drei Sprachkursen in München und den letzten zehn Tagen in Andalusien immer sicherer geworden - nach dem Weg konnte er sich schon fehlerfrei erkundigen. Die Frau sah ihn an, als überlege sie, ihn zu ignorieren und weiterzugehen, wischte sich dann aber mit dem Ärmel ihrer schwarzen Strickjacke über die Augen und schniefte in ein zerknülltes Taschentuch, ehe sie auf ihn zukam. Erst jetzt erkannte Xaver, dass sie gerade geweint hatte. Sie strich sich eine verklebte graue Strähne aus dem Gesicht und antwortete ihm mit schwacher Stimme so schnell, als ob er der Nachbarsjunge wäre. Er verstand kaum etwas und bat sie, sich zu wiederholen, aber sie hob nur die Hand und zeigte auf den Hügel in Fahrtrichtung. »Dort oben?«, fragte Xaver. Die Frau, die schwarze Witwenkleidung trug, nickte und sagte so leise, dass er sich zu ihr hinunterbeugen musste: »No debes que ir alli.«

Xaver stutzte. Er hatte durchaus verstanden - dazu reichte sein Spanisch allemal -, wusste aber nicht, was die Alte damit meinte: »Du sollst da nicht hingehen!« »Porque no?« Warum nicht, wollte er wissen, aber die Frau rollte nur mit den Augen, als ärgere es sie, dass er so schwer von Begriff war. Im selben Moment gaben ihre Beine nach und sie fiel ihm mit ihrem knochigen Oberkörper entgegen. Xaver bekam sie zu fassen, ehe sie auf den Gehweg stürzte. Die Alte, deren Kopf nun an seiner Brust ruhte, schien federleicht. Ratlos sah er sich um. Bis zum Krankenhaus mochten es gut einhundert Meter sein, keine zehn Schritte entfernt aber stand eine Parkbank. Xaver hob den leblosen Körper an und versuchte, die Frau dorthin zu schleifen, doch auf halben Weg erwachte das Bündel in seinen Armen zu neuem Leben, die Alte begann zu protestieren und machte Anstalten, sich seinem Griff zu entwinden - also ließ er sie los, und sie wankte auf die Parkbank zu, als wäre sie betrunken. Xaver setzte sich neben sie. Er deutete auf das Krankenhaus. »Sie sollten da hineingehen!«, empfahl er ihr auf Spanisch und sprach so langsam und deutlich, als müsste er einem Kind etwas erklären. Die Frau schüttelte den Kopf. »Nicht einmal Gott kann mir noch helfen!« Sie blickte auf ihre altersfleckigen, wie zum Gebet gefalteten Hände.

Xaver starrte die Frau von der Seite an. Betrunken kam sie ihm nun doch nicht vor, dafür aber etwas verwirrt. »Kann ich etwas für Sie tun?«, fragte er sie. Die Frau biss sich in ihre farblosen Lippen, als schien sie einen inneren Kampf auszutragen. Dann zog sie eine schwarze Bibel aus ihrer Tasche und umklammerte diese so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Nach einem stummen Gebet packte sie die Bibel wieder in die Tasche. »Wenn du zum Hotel fährst ...«, sagte sie schließlich, »dann sprich mit meiner Tochter Joana. Sie arbeitet dort am Empfang. Sag ihr -« Das Ende des Satzes wurde vom Motorengeräusch eines vorbeifahrenden Polizeiwagens verschluckt und die Frau begann zu schluchzen ... Unbeholfen legte Xaver ihr den Arm um die knochigen Schultern. Der Polizeiwagen hatte mittlerweile angehalten, jetzt setzte er scharf zurück und kam direkt vor der Bank zu stehen. Zwei Beamte sprangen heraus. Einer der Beamten sprach die weinende Frau mit den Namen »Inmaculada« an, während sich der andere vor Xaver aufbaute und seinen Ausweis verlangte.

Leichter Zorn wallte in Xaver auf. Was dachte dieser Polizist eigentlich von ihm? Er hatte der Frau schließlich nur helfen, aber ihr nicht die Handtasche klauen wollen ... Wortlos erhob er sich, ging zum Auto und fischte seinen Pass aus der Reisetasche - wobei ihm der Uniformierte folgte, als müsse er befürchten, Xaver würde flüchten. Als er dem Beamten gerade seinen Pass reichte, schrie dessen Kollege ihm etwas zu und das Interesse an Xavers Personalien war verflogen. Er könne weiterfahren, meinte der Polizist und wandte sich ab, ohne ein Wort zu verlieren. Xaver sah zu der Frau hinüber, aber die schien durch ihn hindurchzustarren. Er gab sich einen Ruck, ging zu ihr hinüber und fragte sie höflich, was er ihrer Tochter Joana im Hotel denn nun ausrichten solle, obwohl er mittlerweile daran zweifelte, dass dort tatsächlich eine Joana arbeitete.

Inmaculada sah ihn an, als könne sie sich nicht mehr an das erinnern, was sie eben noch gesagt hatte. Eine Träne rollte über ihre Wange und lief in eine Falte am Kinnwinkel. »Sag ihr, sie ist tot, ich weiß es ...«

Xaver sah erschrocken zu den Beamten auf. »Und sag ihr, dass es mir leidtut!«, fügte sie hinzu und schluchzte auf. Xaver wollte schon fragen, wer denn gestorben sei, aber als ob er für den Kummer der Frau verantwortlich wäre, gab ihm einer der Beamten mit einem ärgerlichen Wink zu verstehen, dass seine Anwesenheit nun nicht mehr erwünscht sei. Xaver wandte sich mit einem knappen adiós um und ließ die verwirrte Frau mit den Polizisten zurück. Kopfschüttelnd zwängte er sich in seinen Leihwagen, startete den Motor, schnallte sich an und betätigte vorschriftsgemäß den Blinker. Dann fuhr er die bezeichnete Straße hoch und fand das Hotel »Costa Tropical Palace« nach der dritten Kurve.

Er parkte in der Tiefgarage und nahm den Aufzug zur Lobby. Als sich die Tür öffnete, hielt er inne, um die eindrucksvolle Hotelhalle auf sich wirken zu lassen. Die quadratische Lobby war auf dieser Seite einem halben Dutzend Läden vorbehalten - darunter eine Autovermietung, ein Kiosk und ein Geschäft für andalusische Feinkost. An der Stirnseite befand sich der gläserne Eingangsbereich und dahinter ein Vorbau mit Rundbögen, wie er ihn ganz ähnlich noch am Morgen in der Alhambra gesehen hatte. Vor dem Eingang unterhielt sich ein livrierter Hotelangestellter mit einem Reiseleiter neben einem Autobus. Die dem Eingangsbereich gegenüberliegende Seite wurde von einer geteilten Marmortreppe in Anspruch genommen, die zum Speisesaal hochführte. Der Boden der Lobby war mit glänzendem, beigen Marmor gefliest. Die Mitte bildete eine kupferfarbene Rosette von etwa zehn Metern Durchmesser. Ihr Zackenrand stellte die Himmelsrichtungen wie bei einem Kompass dar. Aus einer goldfarbenen Kuppel schwebte ein prächtiger Kristalllüster, der dem Wiener Opernhaus entstammen mochte, in die Lobby herab. Sowohl die äußere Fassade als auch der Innenbereich des Hotels waren in maurischem Stil gehalten. Xaver wandte sich der Rezeption zu.

Die beiden Empfangsdamen passen ebenfalls wunderbar ins Bild dieser beeindruckenden Lobby, dachte er, als er sich der linken der beiden näherte. Die junge Frau trug am Sakko ihres dunkelblauen Hosenanzuges ein Schildchen, auf dem der Name »Maite Hernandez« eingraviert war. Maite war die Abkürzung von Maria Teresa, wusste Xaver, dem nun die Begegnung von vorhin wieder einfiel. Er starrte der anderen Dame mit zusammengekniffenen Augen auf die Brust, aber ihren Namen konnte er auf die Distanz nicht entziffern. »Can I help you?«, fragte die Frau namens Maite und beugte sich so weit vor, dass sich der enge Stoff über ihrer Brust bedenklich spannte. »Yes ... sorry, I am looking for Joana.« Maite deutete mit dem Stift und einem lasziven Lächeln auf ihre Kollegin. Diese trat näher. 

»Yes, Sir?« »Oh well ... I mean -«, Xaver brach ab. Er hatte ins Spanische wechseln wollen, aber das kürzlich Geschehene angemessen zu erklären, überstieg dann doch seine Fähigkeiten. Au?erdem war er überrascht, dass es hier tatsächlich eine Joana gab. Die Alte hatte offenbar die Wahrheit gesagt. »Ich spreche auch Deutsch«, half ihm Joana weiter. »Oh ... gut. Das hat mir Ihre Mutter nicht erzählt.«

Joana sah ihn verdutzt an. Xaver fummelte am Seitenfach seiner Sporttasche und bereute sofort, dass er diese eigenartige Begegnung zur Sprache gebracht hatte. »Meine Mutter ...?« »Ich habe sie zufällig unten im Ort getroffen und nach dem Weg gefragt; sie sagte, Sie würden hier arbeiten.« Joana nahm die Reservierungsbestätigung entgegen und musterte ihn belustigt. »Ich denke, das war sicher ein Missverständnis.« Sie schob ihm das Anmeldeformular zu. »Meine Mutter kann das unmöglich gewesen sein.« Xaver nickte erleichtert, obwohl er eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den beiden auszumachen meinte. »Da hab ich dann wohl was Falsches verstanden, tut mir leid.« Er zuckte mit den Achseln. Es war auch besser so, denn ansonsten hätte er ernsthaft überlegen müssen, ob er dieser jungen Dame die Nachricht überbringen sollte: Sag ihr, sie ist tot, ich weiß es ... und sag ihr, dass es mir leidtut. Er lächelte Joana zu und machte sich daran, das Formular auszufüllen.       

»Was für Kleidung trug die Frau?«, fragte Joana, als er ihr das Formular zurückschob. »Sie war ganz in Schwarz gekleidet - wie eine Witwe.« Diesmal wich der eben noch belustigte Ausdruck auf Joanas Gesicht einer leichten Besorgnis. »Sprechen Sie denn Spanisch?«, hakte sie nach. Xaver wunderte sich ein wenig - das hätte sich die junge Frau ja auch selbst denken können, dachte er -, wie hätte er die Alte sonst nach dem Weg fragen sollen? Wie auch immer - er gab ihr ein knappes, lehrbuchhaftes Statement seiner Kenntnisse, was sie einerseits zu befriedigen schien, andererseits aber noch neugieriger machte: »Sagen Sie ... Sie wissen nicht zufällig, wie diese Frau geheißen hat?« »Ich glaube, ihr Name war Inmaculada.« »Inmaculada? Sind Sie sicher?« Xaver nickte. »Und Sie haben mit ihr gesprochen?«                

Xaver biss sich auf die Lippen. Sollte er der jungen Dame jetzt etwa berichten, dass ihre Mutter beinahe in Ohnmacht gefallen war, nur weil er sie nach dem Weg zum Hotel gefragt hatte? Und sollte er ihr anvertrauen, dass er den Eindruck hatte, ihre Mutter wäre - nun ja - geistig ziemlich durchgeschüttelt? Diese Sache zur Sprache zu bringen, könnte peinlich werden. Und mit der ominösen Todesbotschaft brauchte er die Empfangsdame auch nicht zu beunruhigen. »Nein«, sagte er schließlich, »ich habe sie nur nach dem Weg gefragt und sie hat ihn mir erklärt. Dabei erwähnte sie, dass Sie hier an der Rezeption arbeiten.« Er hoffte, dass die junge Dame es dabei bewenden ließ. Joana sah ihn einen Augenblick lang nachdenklich an, dann zog sie eine Schlüsselkarte aus dem Fach, steckte diese in einen Umschlag mit dem Emblem des Hotels und notierte eine Nummer auf der Rückseite. »Zimmer 328. Dritter Stock links«, sagte sie förmlich und winkte einen Pagen heran, aber Xaver schüttelte den Kopf, schulterte seine Tasche und verabschiedete sich mit einem Muchas gracias in Richtung der Lifte.

Er war kaum drei Schritte gegangen, als er hörte, wie Maite ihrer Kollegin etwas auf Spanisch zuraunte. »So ein süßer Hintern!« Xaver schmunzelte und warf, als er den Aufzug erreicht hatte, einen Blick zurück und erwischte Maite mit einem Kussmund, der sich sofort in ein freches Grinsen verwandelte. Nur Joana starrte in ihre Tasse, als könne ihr der Kaffeesatz verraten, warum ihre Mutter nicht dort war, wo sie hätte sein sollen. 

Xaver stellte seine Tasche ab und blickte sich um. Das Hotelzimmer war geräumiger und luxuriöser als seine bisherigen Unterkünfte in Andalusien. Das Bett war so breit wie er groß war, auf dem Kopfkissen lag ein in glänzendes Papier gewickeltes Stückchen Schokolade und auf dem Schreibtisch stand eine Schale voller Früchte. Xaver stellte den Flachbildschirm an, der an der Wand gegenüber dem Bett hing, und zappte sich durch spanische und französische Kanäle, bis er auf N-TV hängenblieb. Dax minus 1,2 Prozent. Wieder einhundertzwanzig virtuelle Euro weniger, dachte er, schob die Gardinen zur Seite, öffnete die Glasschiebetür und trat auf den Balkon.

Die Aussicht war reizvoller als das Börsenprogramm. Zu seinen Füßen lag ein palmenumrandeter Hotelpool, der wohl so manches Münchner Freibad in den Schatten stellte. Nur ein knappes Dutzend Liegen waren besetzt und nach der Hautfarbe der Sonnenanbeter zu urteilen, waren die Gäste gerade dem langen skandinavischen Winter entflohen. Nur ein Mann ruderte mit hektischen Bewegungen auf die Badeleiter zu, als hätte er entschieden, dass die Anwesenden von seinem Sprung ins frühlingskalte Wasser schon genug beeindruckt waren. Zwischen dem Hauptpool und einem Kinderbecken lag die Poolkneipe, aus der - durch Palmenwedel gedämpft - Julio Iglesias gerade »Besame, besame mucho« verlangte, eine Schnulze, bei der es sich um viele Küsse drehte. Westlich der Außenanlage fiel das Gelände steil nach Almuñecar ab, auf der Südseite beinahe senkrecht. Aus seinem Reiseführer wusste er, dass Almuñecar fünfundzwanzigtausend Einwohner zählte. Der Ort war bereits vor dreitausend Jahren von den Phöniziern gegründet worden. Damals war der Name dieser heutigen Kleinstadt auch einprägsamer gewesen - laut Reiseführer nannten die alten Phönizier diesen Ort einfach »Sexi«. Die Einwohner wurden teilweise heute noch »Sexitaner« genannt, wie auf Seite 228 seines Andalusienführers nachzulesen war.

Xaver ließ den Blick über die Bucht schweifen. Almuñecar drängte sich an zwei Strände, die sich an ihren Enden an einem Felsen trafen, dem Peñon von Almuñecar, auf dessen Spitze ein haushohes Kreuz stand. Die Form der Stadt erinnerte an Rio de Janeiro in Kleinformat, deren Stadtteile Ipanema und Copacabana ebenfalls an geschwungenen Stränden endeten. Vor dem Peñon Almuñecars lagen zwei kleine Felsen, neben denen ein von Möwen umschwärmtes Fischerboot sein Netz hinter sich herschleppte. Etwa zwei Seemeilen hinter dem Peñon ragte eine Landzunge ins Meer, an deren Fuß ein Sporthafen lag. Der Leuchtturm auf dieser Anhöhe wartete auf den Sonnenuntergang, um die ersten Lichtzeichen über das Meer zu senden und die Abendsonne tauchte die weißen, verschachtelten Häuser, die sich von der maurischen Festung im Süden bis zu einer Kirche im Norden einen Hügel hinaufzogen, in pastellfarbenes Licht.

Xaver holte seine Kamera aus der Tasche und hielt diesen Eindruck fest. Hinter der Kirche fiel die Altstadt zur Hauptstraße ab. Jenseits davon beschränkte sich die Besiedlung auf kleine Dörfer und vereinzelte Fincas, die sich nördlich der Ausläufer der Sierra Nevada hochzogen. Vom Balkon aus konnte er den laut Reiseführer mit 3482 Metern höchsten Berg der Iberischen Halbinsel, den Mulhacén, zwar nicht sehen, aber von seiner Fahrt von Granada an die Küste wusste er, dass auf dessen Gipfel noch Schnee lag, der nun allmählich unter der Frühlingssonne schmolz. Zumindest wenn man hier von der Terrasse hinabblickte, schien Almuñecar der malerischste Ort zu sein, den er bislang auf seiner Andalusienreise entdeckt hatte. Es drängte ihn, durch die engen Gassen zu schlendern und diesen »Sexi« Ort aus der Nähe kennenzulernen, aber er verspürte auch Hunger und wollte vorher noch eine Kleinigkeit essen. Xaver blickte auf seine Uhr. Kurz vor sieben. Zu früh für ein spanisches Abendessen. Er würde im Hotel ein Sandwich essen, sich ein wenig ausruhen und später in Almuñecar noch eine Tapa zu sich nehmen ...

Ein Knall ertönte und Xaver beugte sich über die Balustrade. Unten beim Pool war eine Kellnerin damit beschäftigt, Scherben aufzusammeln. Aus einer Flasche, die am Rande des Pools entlangkullerte, tropfte Flüssigkeit in das Becken. Wirbel bildeten sich in dem Wasser wie ein Blutstrom. Xaver dachte an die Begegnung vor dem Krankenhaus zurück. Inmaculada ... In Cádiz hatte er eine Kellnerin getroffen, die den gleichen Namen trug und sie hatte ihm auch verraten, was dieser Name bedeutete - obschon dieser, wie Xaver jetzt dachte, ganz und gar nicht zu ihrem Erscheinungsbild hatte passen wollen. Inmaculada ... »Die Unbefleckte.«

– 2 –

Inmaculada sah dem Mietwagen nach, der sich rasch entfernte. »Wer war das denn?«, wollte Paco wissen. »Ein junger Deutscher«, antwortete sie und wischte sich mit dem Ärmel die Augen trocken. »Er hat nach dem Weg zum Palace gefragt.« Paco nahm die Mütze ab und kratze sich an der Stirn. Inmaculada kannte die Geste - das tat er meistens, wenn er schlechte Nachrichten überbringen musste.

»Inmaculada ...«, begann er zögerlich, aber sie nickte nur und erhob sich. »Wieder nur falscher Alarm«, stellte sie fest. Paco nickte. »Ja ... leider. Unsere Kollegen in Madrid haben alles versucht, aber es hat sich noch keine Spur ergeben, die diesen Hinweis bestätigen könnte. Es tut mir leid, Inmaculada ...« Der Polizist sah zu Boden. »Mari Lucia ist sich auch nicht mehr so sicher.«

Inmaculada dachte an die Schwägerin des Bürgermeisters, die sie nur flüchtig kannte: Mari Lucia hatte vor zwei Wochen in Madrid ein Mädchen gesehen, welches Carmen täuschend ähnlich sah. Angeblich erschrak das Mädchen bei ihrem Anblick und verschwand so schnell, wie sie aufgetaucht war. Sie »flüchtete«, hatte Marie Lucia sogar gegenüber der Guardia Civil behauptet. Die mussten diesem vagen Hinweis natürlich nachgehen, aber Inmaculada ahnte, dass es nichts einbringen konnte. Selbst vor drei Tagen – noch vor diesem dubiosen Anruf –, als ihre Hoffnung noch nicht erloschen war, hatte sie nicht daran geglaubt, dass sich ihre Tochter in Madrid auf der Flucht befand. Geschweige denn, dass sie sich seit zwei Jahren in der Hauptstadt vor ihrer Familie versteckte. 

Die beiden Uniformierten verabschiedeten sich. Sie fuhren ohnehin beim Hotel vorbei und deuteten an, bei dieser Gelegenheit auch Joana über die aktuelle Lage zu informieren. Inmaculada war das sehr recht. Sie wollte mit ihrer Tochter nicht mehr darüber sprechen; diese Nachrichten sollten ihr besser die Polizisten überbringen. Tränen traten in ihre Augen, als sie an ihre Tochter Joana dachte. Der einzige Mensch, der ihr noch geblieben war ... und nun hatte sie vor ihr auch noch Geheimnisse ... Nach der ohnmächtigen Zeit seit Carmens Verschwinden hätte sie das nie für möglich gehalten.

Inmaculada erhob sich und überquerte die Avenida Juan Carlos in Richtung Altstadt. Sie musste in die Kirche, musste allein sein mit ihren Gedanken und ihrem Schicksal, es war zum Verzweifeln - sie konnte sich Joana nicht offenbaren. Aber auch Joana hat ein Anrecht auf die Wahrheit, sagte sie sich, während sie Passanten im Vorbeigehen grüßten, ohne dass sie davon Notiz nahm. Die Trauer würde bei Joana schneller verblassen als vergebliche Hoffnung. Allein schon deswegen musste sie es ihr sagen.

Der junge Deutsche kam ihr in den Sinn. Sie erinnerte sich, dass sie die Beherrschung verloren hatte. Wieder einmal. Etwas war aus ihr herausgebrochen ... die falschen Worte? Hatte sie etwa ihm, dem Fremden, etwas anvertraut, über das sie bis jetzt mit noch niemandem gesprochen hatte ... nicht einmal mit dem Pfarrer? Sie konnte sich einfach nicht mehr daran erinnern. Die vielen Medikamente bewirkten immer öfter Erinnerungslücken. Oben an der Ecke der Plaza del Ayuntamiento, dem Rathausplatz mitten in der Altstadt, betrat sie eine Apotheke und kaufte die verschriebene Medizin. Danach ging sie zur Kirche hinauf. Sie setzte sich auf eine Bank rechts in der fünften Reihe, dorthin, wo sie immer saß. Außer ihr waren nur eine andere Witwe und ein junges Urlauberpaar in der Kirche, das nach einem Foto des Bauwerks wieder auf den Vorplatz hinaustrat. Inmaculada faltete die Hände und sprach das Vaterunser. Danach betete sie für ihren verstorbenen Mann und für ihre Töchter Carmen und Joana. Schließlich beendete sie ihre Andacht und ließ ihren Gedanken freien Lauf.

Eines führte zum anderen und ihr vor Kurzem gefasster Entschluss war nur die logische Konsequenz der veränderten Umstände der letzten Tage und Wochen. Erst die Beschwerden, dann die Untersuchung: die Gewebeproben, das klärende Gespräch mit dem Arzt und endlich die Gewissheit. Und ein paar Tage später - wie aus heiterem Himmel - der Anruf, auf den sie die letzten beiden Jahre vergeblich gewartet hatte! Wieder Gewissheit - oder die Erlösung aus der Ungewissheit, dachte sie. Aber nur für sie selbst. Niemand sonst wusste davon, auch nicht die beiden Polizisten, mit denen sie eben noch gesprochen hatte. Joana aber würde davon erfahren müssen. Jedoch erst danach ... nachdem es vorbei war. Das war sie ihrer Tochter schuldig. Auch sie sollte den Seelenfrieden bekommen, der sich jetzt, langsam wie die Morgendämmerung nach einer langen Nacht, in ihr ausbreitete.

Inmaculada erhob sich, bekreuzigte sich und zündete an einem seitlich stehenden Altar eine Kerze an. Den Schlitz für den Euro ignorierte sie. Sie war zwar sehr gläubig, konnte aber die Verbindung zwischen Gott und Geschäft nicht leiden. Sie trat hinaus auf den Vorplatz. Wieder durchzuckten sie Schmerzen. Sie hielt sich den Bauch und krümmte sich über einer Balustrade. Eigentlich sollte sie im Krankenhaus liegen - das hatte sie Joana versprochen. Doch sie durfte noch nicht ruhen. Noch nicht ...

Als Paco die Hotelhalle betrat, stieg der junge Deutsche, den er vorhin bei Inmaculada angetroffen hatte, gerade in den Aufzug. Paco wandte sich zum Empfang und nahm die Mütze ab - sein Kollege tat es ihm nach einer kleinen Verzögerung gleich. »Joana ... der Hinweis von Mari Lucia ...« Paco biss sich auf die Lippen. Er hasste es, schlechte Nachrichten zu überbringen, aber seit Carmens Verschwinden war er der Ansprechpartner der Familie - Joanas Vater war ein guter Freund von ihm gewesen, bevor ihn dieser verdammte Schlaganfall erwischt hatte. »Die Untersuchung hat leider nichts eingebracht«, fuhr er fort. »Die Kollegen in Madrid haben die Aktion vorerst eingestellt.«

Maite trat zu Joana, nahm sie in den Arm und flüsterte ihr tröstende Worte ins Ohr. Joana erwiderte nichts. Sie schluckte mehrmals. Paco sah betreten zu Boden, besser er ging, hier gab es nichts mehr für ihn zu tun. Er verabschiedete sich, wandte sich aber wieder um. »Ach, was ich noch vergessen habe - deine Mutter weiß Bescheid, wir haben sie gerade unten beim Krankenhaus getroffen.« Joana kam hinter der Theke hervor. »Dann hast du sie also auch gesehen ...«, stellte sie nüchtern fest, »ein Gast hat mir eben davon erzählt. Ich konnte das erst nicht glauben, ich dachte, sie liegt im Krankenhaus in Motril.« Paco überlegte und zog an seinem Schnauzbart. »Ja, sie hat mit diesem blonden Deutschen gesprochen.« Er deutete in Richtung der Fahrstühle. »Deine Mutter schien ziemlich aufgewühlt.« Joana runzelte die Stirn. »Weil du ihr die Nachricht mit Carmen überbracht hast?«

»Nein, schon vorher. Und was Mari Lucias vermeintliche ›Entdeckung‹ anbelangt - deine Mutter schien ohnehin mit nichts anderem gerechnet zu haben. Sei unbesorgt, Joana, sie nahm es sehr gelassen auf.« Joana nickte. Paco schwieg betroffen, bewunderte aber die Tapferkeit der jungen Frau. Andererseits - vielleicht ging es ihr ähnlich wie ihrer Mutter. Sie beide waren dabei, die Hoffnung aufzugeben.

Maite sah den zwei Beamten nach, die die Lobby verließen, während Joana an den Tresen zurückkehrte. Sie kannte Joana gut genug, um zu wissen, dass sie jetzt nicht über »die Sache« sprechen wollte. Nicht einmal mit ihr, ihrer besten Freundin. Deswegen verwunderte es sie umso mehr, als Joana ihr Schweigen brach. Zum ersten Mal seit dem Tag, an dem Carmen verschwunden war. »Weißt du Maite, ich glaube, ich werde meine kleine Schwester nie mehr wiedersehen. Ich denke, sie ist tot. Aber ich ... ich -« Rasch wandte sie sich ab und eilte in das kleine Büro hinter der Rezeption. Maite wollte ihr folgen, zögerte aber, als sich Carlos, der Hoteldirektor, näherte. Carlos legte seine fleischigen Hände auf die Theke und deutete mit dem Kinn in Richtung Büro, aus dem leises Schluchzen drang. »Der Hinweis mit dem Mädchen in Madrid«, erklärte Maite ihrem Chef die Situation. »Du weißt schon, das Mädchen, das Carmen angeblich so ähnlich sah - wieder nur falscher Alarm.«

»Tut mir leid«, erwiderte Carlos lapidar und wandte sich den Aufzügen zu. »Ach - sag Joana das, hörst du?«

Sag es ihr doch selbst, dachte Maite und streckte hinter seinem Rücken die Zunge raus. Sergio, der gerade die Zeitschriften am Kiosk sortierte, grinste Maite über beide Ohren an - wie die meisten der Angestellten hier konnte auch er den Chef nicht leiden. Maite setzte sich, nahm ihre Nagelfeile zur Hand und dachte darüber nach, wie viel Zeit seit dieser Tragödie bereits verstrichen war: knapp zwei Jahre - seit sie selbst als offiziell letzte bekannte Person Carmen gesehen hatte:

Die ganze Sache geschah an einem Samstag, Anfang April. Carmen verließ die Hochzeit ihrer Cousine um Mitternacht. Maite erinnerte sich noch genau: Sie stand mit Carmen draußen vor dem hell beleuchteten Eingangsportal des Palace und versuchte, sie dazu zu überreden, doch ein Taxi zu nehmen. Aber Carmen wollte lieber zu Fuß gehen. Maite hatte sich deswegen später schwere Vorwürfe gemacht und sich wiederholt die Frage gestellt, ob sie nicht auf dem Taxi hätte bestehen sollen. Aber andererseits, wenn sie nüchtern zurückblickte ... das geschehen würde, was geschehen war - das hatte sie damals nun wirklich nicht ahnen können.

Für Carmen waren es knapp anderthalb Kilometer nach Hause gewesen. Maite ging die Strecke, die sie gut kannte, in Gedanken noch einmal durch: Die Hoteleinfahrt hinunter, danach musste Carmen der Straße dreihundert Meter bis zu einer Abzweigung gefolgt sein, wo man rechter Hand in die gehobene Wohnsiedlung von Los Pinos oder linker Hand nach Almuñecar abzweigen konnte. Carmen hätte die linke Abzweigung nehmen müssen - und wäre am Ende einer steilen und kurvigen Straße hinter dem Wohnblock von Las Gondolas wieder herausgekommen. Danach hätte sie rechter Hand das Ärztezentrum von Almuñecar passieren müssen und dann die Schule, die sie damals besuchte. Zweihundert Meter weiter wäre sie an der Kreuzung beim Edificio El Mayoral angelangt, wo sie bei dem Laden Alfra Fuego y Diseño nach rechts in ihre Wohnstraße, der Calle Juan Carlos I, hätte abbiegen müssen.

Diese Straße war eine der Hauptverkehrsstraßen von Almuñecar. Carmen musste beim Mama Matiu, einer gut besuchten Kneipe, und dem Hotel Bahia de Almuñecar vorbeigekommen sein, aber niemand konnte sich später daran erinnern, sie gesehen zu haben. Nach dem Hotel beschrieb die Straße eine Kurve und führte zum Busbahnhof; gegenüber lag das Edificio Huerta del Barco, ein Gebäude, in dem Carmen mit ihrer Mutter damals wohnte und in dem sie nach der Hochzeitsfeier nie angekommen war.

Die Guardia Civil hatte damals diese Strecke als Carmens Heimweg rekonstruiert - jede andere Route hätte für Joanas Schwester einen großen Umweg bedeutet. Doch fand sich weder eine Spur, noch hatte jemand in dieser Nacht irgendetwas Ungewöhnliches bemerkt. Allerdings gab es in den Wochen und Monaten danach einige vage Hinweise von Leuten, die glaubten, das Mädchen gesehen zu haben - oder die falsche Rückschlüsse aus den Tuscheleien des Ortes zogen. Aber jene Hinweise dienten leider nur dazu, die Hoffnung der Familie nicht frühzeitig versiegen zu lassen. Die Guardia Civil wusste gar nichts – das hatten sie ja gerade eben wieder bewiesen. Nur Paco meldete sich hin und wieder bei Joana und ihrer Mutter, aber auch das wohl nur aus Pflichtgefühl und wegen seiner Verbundenheit mit der Familie. Joana kam aus dem Büro und wirkte etwas gefasster. »Carlos meint, es tut ihm sehr leid -«, und mit triefender Ironie fügte sie hinzu: »- soll ich dir ausrichten.«   »Danke«, erwiderte Joana, ohne auf die Anspielung einzugehen. »Geht‘s wieder?«

Joana nickte und zog einen Spiegel aus der Tasche. Maite musterte sie. Da Joana sich selten schminkte, war ihr Gesicht wenigstens nicht verschmiert. »Ich weiß nicht Maite. Mir fehlt langsam die Kraft ... für Hoffnung. Ich mag einfach nicht mehr daran denken, was in dieser Nacht alles passiert sein könnte ...«

Maite schwieg. Das Thema war nicht neu. Spekulationen und Tratsch über Carmens Verschwinden gab es unter dem Personal genug, aber jetzt, wo Joana es selbst ansprach, fühlte sie sich ein wenig unbehaglich. Unschlüssig starrte sie in ihre leere Kaffeetasse. Ein paar Neuankömmlinge wandten sich an Joana. Maite ergriff die Gelegenheit, um in der Cafeteria Nachschub zu besorgen. Unterwegs dachte sie über alles nach. Carmen hatte keinen richtig festen Freund gehabt, mit dem sie hätte ausreißen können - da war nur ihr Amigo Rafael, der schüchterne Junge aus ihrer Klasse, aber der war nicht verschwunden und konnte demnach mit ihrem Verschwinden auch nichts zu tun haben. Mit der Schule, dem Elternhaus oder sonstigem gab es - wie allgemein bekannt war - auch keine Probleme. Und jeder, der Carmen kannte, bezweifelte, dass das Mädchen einfach nur aus einer Laune heraus hatte ausbrechen wollen. Fälle wie diese gab es zwar (das hatten sie von den Polizisten erfahren), aber die Jugendlichen kamen laut Statistik meist innerhalb einer Woche heulend wieder bei ihren Eltern angekrochen. Außerdem hatte Carmen damals weder Geld noch einen Ausweis bei sich getragen, das wusste Maite sicher. Nein, etwas anderes war geschehen. Jemand musste ihr in dieser Nacht aufgelauert haben ...

Das restliche Hotelpersonal dachte genauso: ein Sexualdelikt, Vergewaltigung oder Schlimmeres. So was sah man schließlich wöchentlich im Fernsehen und es gab alle möglichen - und unmöglichen - Theorien, die auf dieser Annahme basierten. Dergleichen ließ sich in einem Ort wie Almuñecar auch nicht verhindern. Wo sonst nichts passierte, musste eben getratscht werden. Diejenigen, die nicht daran glaubten, dass Carmen einfach weggelaufen war - und das waren außer ihrer Mutter und Schwester die meisten Dorfbewohner -, spekulierten darüber, wer der Mörder gewesen sein könnte. Jemand aus Almuñecar? Ein Hotelgast? Oder – und darüber wollte Maite lieber nicht allzu intensiv nachdenken, als sie bei Antonio, mit dem sie bereits im Bett gewesen war, zwei Kaffee bestellte: Er könnte natürlich auch hier im Hotel arbeiten ... Jedenfalls musste man damit rechnen, dass der Täter bekannt war und immer noch frei in der Gegend herumlief.

Diese Vorstellung beschäftigte Maite so sehr, dass sie seitdem die Strecke vom Hotel ins Dorf hinunter nicht mehr zu Fuß ging - was sie früher oft getan hatte, um sich fit zu halten. Und es bedeutete für sie leider auch, dass sie nicht mehr so ungeniert mit jedem ins Bett steigen konnte, der ihr gefiel. Man konnte ja nie wissen ...

Die Guardia Civil hatte in den Wochen nach dem Zwischenfall viele Leute überprüft - aber herausgekommen war dabei nichts. Es wird wohl nie aufgeklärt werden, dachte Maite, als sie wieder hinter die Theke trat. Joana bediente gerade ein skandinavisches Ehepaar und lächelte den Gästen zu, als ob nichts geschehen wäre. Dazu muss man erst einmal die Kraft haben, dachte Maite anerkennend. Hätte sie selbst die letzten zwei Jahre immer wieder zwischen Hoffnung und Ernüchterung schwanken müssen, sie würde diesen Nordeuropäern nicht so freundlich zulächeln können - auch wenn dies ihr Job und vor allem ihr Chef Carlos vorschrieb. 

Joana reichte den Kunden das Anmeldeformular und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. Maite war froh, dass sich Joana neuerdings wieder mehr um ihr Aussehen kümmerte, gerade letzte Woche war sie beim Friseur gewesen und ihre widerspenstigen Naturlocken fielen ihr jetzt nur noch bis zu den Schultern. Als die Sache mit Carmen geschah, magerte Joana innerhalb weniger Wochen auf beängstigende Weise ab. Aber auch das schien jetzt langsam besser zu werden. Joana war zwar immer noch gertenschlank, aber nicht mehr das dürre Klappergestell von einst - ihre weiblichen Rundungen kamen unter dem dunkelblauen Hosenanzug wieder deutlich besser zur Geltung.

Joana nahm das Anmeldeformular entgegen und lächelte erneut charmant. Ein Lächeln von Joana konnte Herzen erwärmen, dachte Maite neidlos. Leider zeigte ihre Kollegin es seit jenem Schicksalstag viel zu selten und meist nur in Zusammenhang mit ihrer Arbeit.

Joana war, ebenso wie ihre jüngere Schwester auch, das, was viele Männer eine »rassige« Frau nannten. Mit ihren kräftigen Augenbrauen, den teakbraunen, grünsplittrigen Augen - dazu die langen Wimpern, die von neidvollen Kolleginnen schon unter Verdacht standen, nur aufgeklebt zu sein, konnte sie problemlos als Südamerikanerin durchgehen. Maite aber wusste von Joana, das es durchaus etwas gab, was diese an ihrem eigenem Aussehen störte: Es war der an einigen Stellen unangebrachte Haarwuchs: ein hauchdünner Flaum, der sich ein wenig zu weit die Wange hinabzog - dazu  feine Härchen, die einen Tick zu weit über die Augenbrauen in die Stirnpartie reichten, was Maite jedoch keineswegs unansehnlich fand. Bei Joanas Mutter und Carmen war dies ähnlich.

Ebenfalls bemerkenswert an Joana war ihre Kraft, die man ihr allerdings nicht ansah. Ohne Sport zu treiben, verfügte sie über eine athletische Figur und sehnige Arme. Maite erinnerte sich, wie sie einmal versucht hatte, einen Koffer, den ein Gast zwischenzeitlich hinter dem Empfang deponierte, auf die Theke zu hieven. Dabei hatte sie sich fast das Handgelenk gebrochen. Joana jedoch wuchtete den Koffer mit einer Leichtigkeit hoch, als handelte es sich um die Schultasche eines Zweitklässlers.

Maite stellte den Kaffee neben Joanas Bildschirm. Die Skandinavier waren nun offiziell Gäste des Hotel Costa Tropical Palace und folgten dem Pagen mit dem Kofferwagen zu den Aufzügen. Sie hatten zwei Wochen gebucht und freuten sich sichtlich über eine nahende unbeschwerte Zeit voller Muße und Sonnenschein.

– 3 –

Sein kleines Holzboot schaukelte, als die Wellen, die einer dieser verdammten Jetskis verursachte, den Bug erreichten. Nicht nur, dass er durch den Lärm in seinen Gedanken gestört wurde - vertrieb dieser Wasserrowdy auch noch die Fische! Seit einer Stunde schon schipperte er auf dem ansonsten spiegelglatten Meer, eine halbe Seemeile vor der Küstenlinie, in Höhe des Aquatropic Wasserparks. Normalerweise ein guter Fischgrund, aber heute hatte noch nichts angebissen.

Der Jetski entfernte sich in Richtung Strand, offenbar hatte der Fahrer seine emporgereckte Faust doch gesehen. Der Wasserpark war jetzt im April bereits geöffnet und bald auch würde die Diskothek, die dort ebenfalls untergebracht war, ihre Pforten aufmachen. Er lächelte. Das war einer seiner Fischgründe an Land. Fische und Frauen: seine beiden Leidenschaften! Die Frauen waren natürlich wichtiger, aber wenn sie ihn aufregten, konnte er sich durch das Fischen wieder beruhigen. So wie jetzt. Praktische Sache.

Er holte eine San-Miguel-Bierdose aus der Kühlbox, nahm einen kräftigen Schluck und rollte sich eine Zigarette, deren Tabak er etwas von dem Gras beifügte, dass er in einem Plastiksäckchen in seinem Fischerkoffer aufbewahrte. Zur Beruhigung.

Die Kleine machte mal wieder Stress. Als er vor einer Woche von der Arbeit gekommen war, hatte sie ihn vor seinem Auto abgepasst und für eine unschöne Szene gesorgt. Dabei dachte er schon, er wäre mit allem durch und sie hätte endlich kapiert, dass es aus war. Die Kleine war zwar hübsch, dafür aber strohdumm ... warum suchte sie sich nicht einfach einen anderen Typen? Warum konnte sie ihn nicht zufriedenlassen? Nur weil er der Erste war, mit dem sie gevögelt hatte? Pah!

Er trank die restliche Hälfte in einem Zug aus, knickte die Bierdose mit Daumen und Zeigefinger zusammen und schmiss sie ins Meer. Dann noch diese lächerlichen Drohungen.

Klar wusste sie Bescheid, aber nicht mal sie konnte so dämlich sein, jetzt noch – nach über zwei Jahren! – den Mund aufzumachen. Damit hatte sie jedenfalls gedroht und ihm war nichts anderes übrig geblieben, als ihr eine zu scheuern. Ich hasse dich, hatte sie geschrien, bevor sie jämmerlich zu heulen begann, diese Schlampe. Dann hatte er ihr gedroht. Vielleicht etwas zu brutal - dafür aber nachdrücklich: Nachdem er sich vergewissert hatte, dass es auf dem Parkplatz keine Zeugen gab, packte er sie an den Haaren und bog ihren Kopf zurück, bis sie in seine Augen starren musste: Ich verspreche dir, wenn du auch nur ein einziges Wort zu der Geschichte sagst, dann bringe ich dich um. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, haute er ihr noch eine runter und stieß sie zu Boden. Dann fuhr er nach Hause.

Seitdem ging er ihr aus dem Weg, bis er sie gestern beim Lieferanteneingang zufällig wiedertraf. Er wollte sie erst ignorieren, entschloss sich dann aber aus taktischen Gründen, sich zu entschuldigen, und versicherte, es täte ihm leid. Schon gut, antwortete sie lapidar. Er strich ihr durch das Haar und sagte irgendetwas Dämliches, das, was ihm gerade so einfiel, was Frauen in so einer Situation eben hören wollen ... und was tat sie? Sie umarmte ihn und sagte ihm, dass sie ihn liebte! Und dass, obwohl ihre Lippe von seinen Schlägen immer noch aufgeplatzt war.

Da wurde ihm erst bewusst, dass sie nicht nur ein wenig verknallt, sondern richtig besessen von ihm war. Sie war ihm hörig! Das war zwar irgendwie unangenehm, aber andererseits auch nicht so übel: Die dumme Gans würde auch weiterhin die Klappe halten - solange sie ihn nur krankhaft liebte ...

Er sah auf die Uhr und rollte seine Angel ein. Es war an der Zeit, an die Arbeit zu gehen, obwohl er nicht die geringste Lust dazu verspürte.

Nicht mehr lange, dann würde er von hier verschwinden. Irgendwohin. Weit weg. Dorthin, wo die Frauen nicht so kompliziert waren wie hier in Spanien. Vielleicht nach Kuba oder in die Dominikanische Republik. Aber erst einmal musste sich die Kleine beruhigen und falls nicht ... müsste er sein Versprechen eben einlösen. Er schmiss den Joint ins Wasser und startete den Außenborder. Seine Stimmung war nun deutlich besser als noch am Morgen und das, obwohl kein einziger Fisch angebissen hatte. 

Am folgenden Tag hatte Joana erst ab 16.00 Uhr Dienst. Nach dem Frühstück war sie mit ihrer Mutter den Strand entlang spaziert - bis an das Ende bei Cotobro und wieder zurück. Dazu brauchten sie normalerweise eine Stunde, diesmal aber deutlich länger. Ihre Mutter meinte zwar, es ginge ihr mittlerweile viel besser und die Untersuchung im Krankenhaus müsse wohl doch nicht unternommen werden, aber Joana misstraute der ganzen Sache. Inmaculada jedoch wischte ihre Einwände fort und versuchte Zuversicht zu verbreiten. Sie sei sicher, dass sie schon bald wieder arbeiten könne - außerdem fiele ihr daheim sowieso nur die Decke auf den Kopf. Dann war Inmaculada schließlich doch nach Hause zurückgekehrt und Joana war geblieben. Sie sah auf. Am heutigen Apriltag war der Himmel über Almuñecar so düster wie ihre Gedanken. Möwen kreischten über einem Fischerboot, das gerade sein Schleppnetz einzog. Sie roch den Vanillegeruch eines Pfeifentabaks, als sie an einem wettergegerbten Fischer vorbeiging, der sein Netz flickte. Sie kannte ihn wie fast jeden hier im Ort und nickte ihm freundlich zu. Schließlich blieb sie an einem Kiosk stehen, kaufte eine kleine Flasche Mineralwasser und setzte sich auf einen der großen Felsbrocken, die am Ende des San Cristobal Strandes ins Meer ragten. Die See war vom starken Poniente, dem lokalen Westwind, aufgewühlt; dumpf brandeten die Wellen gegen die Felsen. Wasserfontänen schraubten sich senkrecht empor und feine Gischt hüllte Joana ein. Sie wischte ihr Gesicht ab und kletterte ein paar Felsen weiter hinauf. Dann starrte sie in Richtung Marokko - der Horizont war mit dunklen Wolkenbrettern verwischt, wie bei dem Aquarell eines traurigen Malers.

Carmen war fünfzehn, als sie verschwand und hätte in ein paar Monaten, am zwölften September, ihren achtzehnten Geburtstag gefeiert. Joana selbst war siebenundzwanzig, als es passierte, und im August würde sie ihren dreißigsten Geburtstag feiern. Feiern ...? Oder langsam aus ihrer Lethargie erwachen. Sie musste ihr Leben wieder in den Griff bekommen und nicht immer den gleichen Fragen nachhängen: ob Carmen schon lange tot war oder ob sie einfach nur weggelaufen ist ...

Ihr bevorstehender Geburtstag wäre ein geeigneter Tag, die Vergangenheit ruhen zu lassen und ihr eigenes Leben, das sie vor zwei Jahren praktisch vollkommen unterbrochen hatte, wieder neu zu beginnen. Sie könnte sich frischen Gedanken widmen, wieder offener, umgänglicher werden und wer weiß ... sich vielleicht sogar verlieben und ein Kind bekommen. Falls es ein Mädchen werden sollte, würde sie es Carmen taufen. Vor zwei Jahren noch war sie mit José glücklich gewesen, ihrem damaligen Freund. Es gab sogar schon romantische Zukunftspläne über Hochzeit, Eigenheim und Kinder, aber als ihre Schwester verschwand, hielt José noch ein halbes Jahr durch, dann war es vorbei. Er zog fort und sie konnte es ihm nicht verübeln. Seltsam - sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, was sie damals für José empfunden hatte. Die Trauer um Carmen hatte alle anderen Gefühle überlagert, hatte Glückseligkeit, Fröhlichkeit und Zufriedenheit zugedeckt wie der Ascheregen eines Vulkanausbruchs eine Blumenwiese. Joana erhob sich und setzte ihren Weg fort. Auf einen Stichtag hin frei im Kopf zu werden, war das überhaupt möglich? Konnte man negative Gedanken einfach verdrängen und durch positive ersetzen? Würde nicht wieder alles hochkommen? Und zwar spätestens beim nächsten Hinweis von irgendjemandem, der ein Mädchen sah, welches Carmen ziemlich ähnelte ...?

Fast hundertprozentig sicher sei Mari Lucia gewesen, als das Mädchen in Madrid im Menschenstrom um die Plaza de España untertauchte. Hunderprozentig! Carmen Ramos Ortiz! Joana schüttelte den Kopf. Was, wenn es wieder geschah? Würde dann nicht wieder Hoffnung in ihr aufkeimen und sich abermals diese rastlose Anspannung in ihr breitmachen, die sie die Fingernägel bis auf das Fleisch abkauen ließ? Natürlich würde es so sein ...

Aber sie musste zumindest versuchen, einen anderen Weg zu finden, um sich nicht immer wieder die gleichen Fragen zu stellen: Lebte Carmen noch? Wo war sie? Warum rannte sie fort? Vielleicht hing es doch mit ihrem Vater zusammen, der vor vier Jahren an einem Schlaganfall gestorben war ... Die ganze Familie war in Trauer und einige Bekannte mutmaßten später, dies sei der Auslöser für Carmens Verschwinden gewesen. Joana glaubte das nicht. Aber andererseits war Carmen labiler als sie und um zwölf Jahre jünger und da könnte ... - nein! Carmen würde nicht wieder auftauchen. Sie musste sich langsam mit der Ungewissheit arrangieren, anstatt sich weiterhin von ihr zerstören zu lassen.

Sie selbst hatte die ersten zwölf Jahre ihres Lebens als Einzelkind verbracht. Sie war sich nie so richtig klar darüber geworden, warum ihre Eltern so lange brauchten, um ein Schwesterchen zu zeugen. Sie hatte ihre Mutter danach gefragt, aber immer nur ausweichende Antworten erhalten. Joana nahm an, dass es nach ihrer Zeugung nicht mehr so recht klappte mit der Virilität ihres Vaters, bis dann lange Jahre später doch noch die Überraschung kam. Sie war eine gute große Schwester für Carmen gewesen. Nach der Schule bis spät abends, wenn ihre Mutter von der Arbeit kam, übernahm sie die Mutterrolle. Und in den Sommerferien, wenn ihre Mutter während der Hochsaison den ganzen Tag im Restaurant schuftete, kümmerte sie sich allein um Carmen, die noch in den Windeln lag. Carmen war viel mehr als nur ihre Schwester gewesen. Joana hatte sie geliebt wie eine Mutter ihr eigenes Kind.

Sie hatte das Ende des Strandes bei Cotobro erreicht und kehrte wieder um. Der Poniente nahm weiter zu und mit dem Wind im Rücken fiel ihr das Gehen leichter, nur die Haare wurden ihr von hinten ins Gesicht geblasen. Joana kramte in ihrer Handtasche nach einem Haarband und holte auch ihr Handy heraus. Drei Anrufe in Abwesenheit. Alle von Maite. Sie bändigte ihre Locken und rief Maite zurück, aber es war besetzt. Joana setzte ihren Weg fort und keine dreißig Meter später vibrierte das Handy.

»Ich wollte dich vorhin schon anrufen -«, sagte Joana, aber Maite fiel ihr ins Wort: »Joana, der hübsche Deutsche, den du gestern Abend eingecheckt hast ... Du weißt, wen ich meine?« Joana bekam nicht die Gelegenheit darüber nachzudenken. »Joana, er ist tot!«