Wie lange haben Sie an PATA NEGRA geschrieben?-
Ich begann im April 2008 und beendete die Arbeit am Manuskript im Juni 2009. In diesen vierzehn Monaten konnte ich täglich im Schnitt etwa drei bis vier Stunden für das Schreiben aufwenden, also insgesamt investierte ich in PATA NEGRA circa 1500 Arbeitsstunden.
Wie kamen Sie zum Schreiben?-
Den Traum, einmal ein (berühmter) Autor zu werden, träumte ich das erste Mal im Alter von sechzehn Jahren. Bald danach aber hatte ich andere Dinge im Kopf - wie Mädchen oder Autos. Ein paar Jahre verstrichen, ich ging auf Reisen und dachte am Palmenstrand: Wäre ich jetzt Schriftsteller, bräuchte ich nur eine Schreibmaschine (Laptops gab es da noch nicht) - dann könnte ich überall arbeiten und die Leser mit meinen Geschichten berühren. Zurück von meinen Reisen - und um einige Jahre älter und reifer - versuchte ich zum ersten Mal meinen mittlerweile ebenfalls in die Jahre gekommenen Traum zu verwirklichen: Ich wollte etwas schreiben - ich wusste nur noch nicht was. Diese Ungewissheit hielt auch die nächsten Jahre über an, und deshalb versuchte ich mich in der Wirtschaft. Dort hatte ich mehr Erfolg, verdiente gutes Geld, verlor es aber mit Fehlinvestitionen wieder, was auf die Dauer sehr frustrierend ist - gleichermaßen frustrierend, wie sich nicht um die Verwirklichung langgehegter Träume zu kümmern. Das ging so lange so weiter, bis ich eines Nachts tatsächlich eine verworrene Geschichte träumte - im April 2008. Am Morgen danach dachte ich: Nun mach schon! Setz dich vor den Computer und schreib endlich das Buch, dass dir schon seit über zwanzig Jahren durch den Kopf schwirrt. So kam es, dass die Geschichte dieses Traums mir als Grundstock für PATA NEGRA diente.
Wie war der Schreibprozess, war das einfach?-
Keineswegs! Ich wurde ja nicht als Schriftsteller geboren und habe die letzte deutsche Rechtschreibreform in Spanien verschlafen. Ich spann die Geschichte des Traums weiter und fing an, sie niederzuschreiben. Nach zwei Monaten hatte ich etwa 100 Seiten produziert, die jedoch noch nicht so recht Sinn machen wollten. Die Geschichte war noch unausgereift, die Charaktere flach und der Stil so holprig wie eine andalusische Schotterstraße. Meine ohnehin schon omnipräsenten Selbstzweifel steigerten sich beinahe ins Unerträgliche: Kannst du das überhaupt oder jagst du hier nur irgendwelchen Jugendfantasien hinterher? dachte ich bei mir. Du hast weder Literatur noch Germanistik studiert und auch noch nie als Journalist gearbeitet! Und dann informierte ich mich obendrein im Internet und stieß dabei auf solch motivierende Statistiken wie »Von 1000 unverlangt eingesandten Manuskripten wird im Schnitt nur eines verlegt ...« Aber trotzdem - nach dem bereits betriebenen Aufwand war Aufgeben keine Option. Also kaufte ich mir alle verfügbaren Bücher über kreatives Schreiben (etwa 15) und ackerte diese durch. In diesem privaten »Literaturstudium« lernte ich, wie man Dialoge gestaltet, lebendige Charaktere schafft, den Spannungsbogen aufrecht erhält, die Geschichte glaubwürdig erscheinen lässt, und auch, wie man seinen eigenen Schreibstil findet. Mit diesem Wissen überarbeitete ich meine ersten bereits geschriebenen 100 Seiten, die sich nun für mich als »gelernter Literat« wie ein langer, misslungener Schulaufsatz lasen. Danach feilte ich weiter am Plot, fügte der Handlung eine gehörige Portion Drama hinzu und versetzte mich in die Lage meiner verschiedenen Charaktere - bis an die Grenze eines mentalen Doppellebens. PATA NEGRA nahm immer mehr Form an.
Mittlerweile waren 300 Seiten geschrieben, aber das Buch war noch lange nicht fertig. Trotzdem bereitete ich in einem Anflug von Euphorie ein Exposé vor - bestehend aus einer kurzen Leseprobe und einer Zusammenfassung der Geschichte - und präsentierte mich damit kurzerhand auf der Frankfurter Buchmesse 2008. Jedem Lektor, der mich nicht sofort abwimmelte, drückte ich dreißig Seiten Infomaterial zu PATA NEGRA in die Hand. Ein schwerer taktischer Fehler und es kam, wie es kommen musste. Zurück in Spanien arbeitete ich weiter an meinem Manuskript - meistens nachts, wenn meine eigentliche Arbeit getan war und meine Familie bereits schlief. Es dauerte nicht lange, bis ich Nachrichten von den Verlagen erhielt. Sie begannen in der Regel so:
»Sehr geehrter Herr Freundlinger, haben Sie vielen Dank für die Vorstellung Ihres Buchprojekts. Leider müssen wir Ihnen jedoch mitteilen, dass eine Veröffentlichung von PATA NEGRA für unser Verlagshaus nicht in Frage kommt …«
Nun, nach der fünften Absage wäre es das Naheliegendste und Einfachste gewesen, das ganze Vorhaben einfach abzublasen. »Zumindest versucht habe ich es«, hätte ich mich trösten können. Aber ich gab nicht auf, arbeitete noch zäher und noch länger am Manuskript, kämpfte gegen meine Selbstzweifel und stellte alles in mühsamer Arbeit sechs Monate später fertig. Danach überarbeitete ich das Manuskript noch drei weitere Male: Szene für Szene, Absatz für Absatz, ja sogar Wort für Wort, bis ich mit Sicherheit behaupten konnte: Ich habe mein Bestes gegeben!
Woher nehmen Sie Ihre Ideen?-
Üblicherweise findet man auf den letzten Seiten eines Buches den Hinweis, dass die Charaktere und die Handlung frei erfunden wurden, und darum jede Übereinstimmung mit der Wirklichkeit rein zufällig sei. Dies ist auch bei PATA NEGRA so. Zum Glück verfüge ich über eine ausgeprägte Fantasie und habe alles frei erfunden ... nun ... nicht ganz! Einiges in PATA NEGRA ist tatsächlich so passiert, wie ich es geschildert habe – aber eben in einem anderen Zusammenhang und in stark abgewandelter Form. Um Ihre Frage zu beantworten: Ich bin ein guter Zuhörer – vom Reden lernt man nichts! – und meine Inspiration beziehe ich aus tausenden interessanter Geschichten hunderter außergewöhnlicher Personen aus dutzenden von Ländern.
Gaben Sie zwischendurch das Manuskript einem Freund oder einem Familienmitglied zu lesen?-
Nein, das tat ich nicht. Keiner meiner engsten Freunde oder Familienmitglieder durfte während des Schreibprozesses einen Blick in das Manuskript werfen. Deren Meinung hätte mich wohl nur beeinflusst. Nicht mal, als das Manuskript fertig war, ließ ich es von mir nahestehenden Personen lesen, da ich auf der Suche nach objektiven Meinungen war. Ein Schulterklopfen eines Kumpels und ein »Ich wusste gar nicht, was da für Talente in dir stecken« hätte mir nicht geholfen. Also suchte ich in einem Eintrag im Amazon-Thrillerforum versierte Testleser/innen, die bereits mindestens 100 Thriller gelesen hatten. Diese – vorwiegend weiblichen – Leser waren der erste richtige Prüfstein für PATA NEGRA und erst deren (fantastische) Reaktionen ließen mein Misstrauen gegenüber meinen Autorenkünsten erstmals ein wenig verblassen. Einige dieser Testlesermeinungen sind übrigens auf dieser Webseite unter dem Link »Leserkommentare« aufgelistet.
Ich habe PATA NEGRA gelesen und das Buch ist ungemein spannend, manchmal auch witzig. Es regt zum Nachdenken an und ist mitunter auch traurig. Am meisten hat mich beebeeindruckt, dass die Spannung keiner Brutalität bedurfte. Ist das Ihr Schreibstil?-
Ich persönlich verabscheue jede Art von Gewalt so sehr, dass ich darüber auch kaum schreiben kann bzw. will. Deswegen musste die Spannung bei PATA NEGRA aus anderen Elementen generiert werden, wie z.B den Konflikten in Dialogen, den beängstigenden Gedanken oder Reflektionen der handelnden Personen oder deren unheimliche Vergangenheit etc. Außerdem hoffe ich nicht, dass die Lesergemeinde des Thriller-Genres nur noch dann Spaß am Lesen findet, wenn beim Umdrehen eines Buchs förmlich Blut heraustrieft. Wie das Leben selbst, so ist auch mein Erzählstil: mal witzig und zum Lachen, mal traurig und ernst, und mal regt es auch zum Innehalten und Nachdenken an.
Schreiben Sie bereits an einem weiteren Buch?-
Nein. Erst möchte ich abwarten, wie sich PATA NEGRA am Buchmarkt behauptet. Erst danach möchte ich entscheiden, ob es ein weiteres Buch geben wird oder nicht. Da bisher aber alle Anzeichen darauf hindeuten, dass PATA NEGRA Erfolg haben könnte, werde ich mich wohl bald schon mit dem Gedanken befassen müssen, ein weiteres Buch zu schreiben. Eine Idee dazu schwirrt schon in meinem Kopf herum, aber das Problem dabei ist, dass es sich im Falle von PATA NEGRA nicht um eine beliebig reproduzierbare Story handelt. Das hat auch eine meiner Testleserinnen ganz richtig erkannt:
Eine Geschichte wie diese, mit dem grandiosen Finale, habe ich in so einer Form noch nie gelesen. Ich kann mir durchaus denken, dass es für Dich ein (gefährliches) Experiment bedeutete, von den ausgetrampelten Thriller-Pfaden abzuwandern und die Leser mit einer Story wie dieser zu überraschen und Respekt: Zumindest bei mir ist Dir dieses Experiment gelungen!
Die Handlung in PATA NEGRA stellt meines Erachtens hohe Anforderungen an einen weiteren Roman und ich möchte nur dann ein zweites Buch schreiben, wenn ich mir absolut sicher bin, dass es mindestens genauso gelingt wie das erste. Alles andere würde nur meine Leserschaft enttäuschen, die es mir wohl nicht verzeihen würde - nach dem Motto »Quantität vor Qualität« -, auf die kommerzielle Schiene abzudriften.
Warum schreiben Sie gerade Thriller und nicht was anderes, wie z.B. Fantasy oder historische Romane?-
Zum einen haben Thriller oder Krimis einen höheren Marktanteil als alle anderen Genres der Belletristik und zum anderen würde mich z.B. bei den historischen Romanen der Rechercheaufwand abschrecken. Woher soll ich wissen, was die Menschen vor achthundert Jahren geredet, gegessen, wie sie sich gekleidet oder was sie sonst so den ganzen Tag über getrieben haben? Das könnte ich zwar alles in verstaubten Archiven nachstöbern, aber bis mein Geschichtsstudium so weit vorangeschritten ist, dass es beim altertumskundigen Leser auch glaubwürdig rüberkommt, habe ich wohl schon zwei, drei Bücher in der »Jetztzeit« geschrieben. Und für Science Fiction oder Fantasy-Romane ... nun ja, da fehlt es mir wohl etwas an Fantasie! Ich bleibe lieber in der Gegenwart und gestalte meine Bücher so realitätsnah wie möglich.
Was für Bücher lesen Sie selbst? Und welches Buch hätten Sie gerne selber geschrieben?-
Ich lese sehr viel, um mein Gefühl für Sprache weiterzuentwickeln. Leider wird dieses Gefühl dadurch allerdings – ähnlich wie beim aktuellen Fernsehprogramm – manchmal auch zurückgebildet. Ich lese alles - vom Klassiker bis hin zu den aktuellen Bestsellern, aber auch weniger bekannte Autoren aus verschiedenen Genres. Stilistisch beeindruckt bin ich z.B. von den Büchern Pascal Merciers, aber auch von meinem österreichischen Kollegen Wolf Haas, der mit seinen Brenner-Romanen und seinem Alpengeschwafel sogar ein paar deutsche Buchpreise gewonnen hat. Die beiden Bücher von Ruiz-Zafon, »Im Schatten des Windes« und »Das Spiel der Engel«, möchte ich hier als meine literarischen Highlights anführen - ebenso wie »Das Parfum« von Patrick Süskind. Selbstverständlich lese ich auch die Bücher meiner Krimi/Thriller-Konkurrenz, aber da habe ich doch ein paarmal das o.a. Problem, dass ich nicht gerne Geschichten mit übertriebener Gewalt lesen mag, oder dass die Stories zu vorhersehbar und schematisch sind. Das Grundschema ist eben meist das folgende:
Psychopatischer Serienmörder ermordet aus irgendwelchen seinem Wahnsinn entsprungenen Gründen nacheinander ein paar Menschen - sei es in Skandinavien, England, den USA oder sonstwo. Auf der anderen Seite kämpft ein genialer Ermittler, der (oder die) selbst aber mit jeder Menge persönlicher Probleme behaftetet ist (Alkohol, Scheidung, Depression etc.). Dieser Protagonist stellt sich dem Kampf, bis nur noch 10-30 Seiten zum Schluss fehlen, und so lange, bis eine ihm nahestehende Person oder er (bzw. sie) selbst dann vom Serienmörder beinahe gekillt wird. Im Happy End kann der Protagonist dem Antagonisten dann aber doch das Handwerk legen (im letzten Moment).
Nun … die Leser, die PATA NEGRA bereits gelesen haben, werden mir zustimmen, dass meine Geschichte etwas anders konzipiert ist und gerade deshalb so überraschend und spannend wirkt. Auch aus diesem Grund beantworte ich Ihnen Ihre zweite Frage (Welches Buch hätten Sie gerne selbst geschrieben?) ohne überheblich sein zu wollen, wie folgt:
Ich bin stolz darauf, PATA NEGRA erschaffen zu haben, und würde als Autor – wie eine gute Mutter auch - mein »Baby« niemals gegen ein anderes Werk eintauschen!
Wie lautet eigentlich Ihr Lebensmotto?-
Gute Frage! Nun, da gibt es so einige, die ich mir beim Schreiben von PATA NERGRA immer wieder in Erinnerung rufen musste, um nicht vor Frust den USB-Stick zu verschlucken, auf dem meine Geschichte gespeichert war. Bereits im Alter von sechs Jahren wurde ich täglich mit einem solchen Leitsatz konfrontiert. Über dem Eingang der Volksschule Plainfeld bei Salzburg, die ich vier Jahre lang besucht habe, prangte nämlich:
»Wo ein Wille, da ein Weg!«
Das kann ich heute, über drei Jahrzehnte später, für mich nur bestätigen. Dazu habe ich einmal irgendwo gelesen, dass Winston Churchill angeblich eine lang angekündigte Rede an einer englischen Eliteuniversität gehalten hat. Alle wichtigen Persönlichkeiten des Landes waren damals angereist und harrten gespannt, was dieser brilliante Mensch zu sagen hatte. Churchill trat an das Rednerpult und sagte nur: »Geben Sie nie, nie, nie, wirklich niemals auf!« Dann setzte er sich wieder. Seine Rede war beendet - denn dies war die Essenz, das Wichtigste, was er zu sagen hatte.
Auch diesen Grundsatz muss ich irgendwie verinnerlicht haben, denn glauben Sie mir, Gründe für eine Aufgabe und Rückschläge gab es bei mir bis zum Abwinken: Selbstzweifel, ein Hagel an Absagen, fehlende Zeit für die Familie, Schlaflosigkeit, statistische Erfolgsaussichten wie bei einem Lottoschein etc. Aber durch diese schwere Zeit hat mich auch eine Erkenntnis geführt, die ich bisher in meinem Leben immer wieder erfahren durfte, nämlich die Kraft der Gedanken: Wenn man sich ein Ziel setzt und dieses Ziel in seinen Gedanken verinnerlicht und immer wieder daran denkt, so lange, bis es greifbar erscheint, werden im Unterbewusststein regelrecht Wege bereitet, um dieses Ziel auch wirklich zu erreichen.
Das zumindest ist meine Erfahrung, die sich mit PATA NEGRA nun ein weiteres Mal bestätigt hat und die sich im Wesentlichen mit der Parole meiner alten Dorfschule deckt. So viel zu meinen »Lebensmottos«, die ich jedem mit einem großen Ziel vor Augen nur empfehlen kann.